Notizen eines nicht mehr ganz jungen Großstädters

Unaufgeräumt wie so häufig beginnt der Tag. Ich liege schon eine Weile wach im Bett und blättere gedanklich durch allerlei Sachverhalte. So, jetzt aber, sage ich mir und quäle mich hoch. Erstmal einen Kaffee kochen. Ein Blick in den Kühlschrank offenbart, die Milch ist alle. Also noch schnell zum Bäcker flitzen, der dankenswerterweise schon halb sechs öffnet. Für die Mitarbeiter der BSR nehme ich an. Denn die stehen halb sieben mit einem Kaffee ToGo davor und versuchen sich an einem Gespräch miteinander. Und natürlich für mich. Der Rest des Viertels, oder auch /4 wie sich ein sehr lokales Blatt nennt, schlummert noch in himmlischer Ruh‘. Unter der Dusche versuche ich mal wieder eine generelle Strategie für den Fall zu entwerfen, dass es in diesem Augenblick klingelt. Das Läuten ignorieren? Mit umgeworfenem Handtuch alles nass patschend zur Türe springen? Beim nächsten Vorfall dieser Art werde ich trotzdem wieder unvorbereitet sein. Nach dem Marmeladenbrötchen kämpfe ich mit meinen Schnürsenkeln. Normalerweise schlüpfe ich aus den Schuhen ohne die Schleife zu lösen. Beim Anziehen dann ist mir der Knoten aber zu locker. Es heißt Neues ist zu schnüren. Doch das Öffnen der Schleife schlägt oft fehl. Ein unlösbarer Knoten entsteht und erfordert große Geduld beim Entwirren. Die Unart das Problem an anwesendes Personal zu delegieren, habe ich bisher nicht abgelegt. Gerade bin ich aber allein, deshalb fummele ich selbst, leise vor mich hin fluchend. Ich hatte neulich ein paar Kollegen im Companychat auf diese Problematik hingewiesen. Es hagelte Empfehlungen für Webseiten, die sich sinnloserweise eigens mit dieser Thematik beschäftigen. Ich wollte aber nur ein bisschen jammern und hatte mir ein empathisches „Ja, das kenne ich auch.“ erhofft. Nichts da! Auf dem Weg zur Bahn später denke ich bei den Frauen die mir entgegenkommen und keine Anstalten machen auszuweichen, die haben bestimmt diesen Zeitungsartikel damals gelesen, in dem dominantes Verhalten von ungehobelten Herren auf Bürgersteigen zur Sprache kam. Ergebnis: Nun wird den Männern kein Zentimeter Platz mehr gemacht. Bedrohlich steuern die Amazonen auf mich zu. Beim Schritt zur Seite muss ich aufpassen, nicht von einem entgegenkommenden Elektroroller weggerammt zu werden. Da lobe ich mir die Situationen, in denen beide jeweils versuchen ihre gute Kinderstube als Quelle angewandter Trottoirnavigation zu verwenden, aber das falsche Manöver wählen und erneut auf Kurs Zusammenstoß geraten. Dann rausche ich endlich mit der S-Bahn durch die Stadt. Zeitgleich lausche ich unter der Trockenhaube zeitgenössischen Kompositionen. In einem Stück trällert Dent May „I′m hoping for an angel to come along and sing me a song.“ Natürlich stelle ich mir das sofort bildhaft vor. Aus heiterem Himmel materialisiert sich mir gegenüber ein göttliches Wesen in schneeweißem Anzug. Nur für mich sicht- und hörbar. Es stimmt ganz allein eine mehrstimmige Harmonie an, die mich die Welt vergessen lässt. Der Engel reicht mir die Hand und will mit mir davonfliegen. Am Firmament öffnet sich ein gleißend helles Portal. Halt, Stopp, denke ich, so war das nicht gemeint und verscheuche das Hirngespinst. Es ist zwar nicht alles Gold was glänzt, aber ich würde schon noch gern ein paar Jährchen auf Erden wandeln. Kurz zuvor hatte ich beim Einsteigen wie immer als Erstes nach Notbremse und Nottüröffnung Ausschau gehalten. Für den hypothetischen Fall, rapides Eingreifen zur Unheilvermeidung wäre angesagt. Alte Bahnerkrankheit. Eine mit wildem Gestrüpp bewachsene Böschung zieht draußen vorbei. Gab es hier in der Nähe nicht vor ein paar Jahren ein Kapitalverbrechen? Das Leid der anderen ist schnell vergessen. Aussteigen – auch immer so eine Sache. Alle versuchen sich frühzeitig zu positionieren um Rempeleien aus dem Weg zu gehen. Je voller der Wagon desto aussichtsloser das Unterfangen. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie das Ende der Achtziger ablief. Die Türen waren nicht verriegelt und es gab immer jemanden, der sie bei der Einfahrt in den Bahnhof mit Gewalt aufzog und während der Zug noch fuhr hinaussprang. Dafür brauchte es Einiges an Geschick. Aber der Coolnessfaktor war größer als die Angst vor einem tragischen Unfall. Ich steige aber heutzutage gezwungenermaßen regelkonform aus. Im Zickzack mit eingeschalteter collision detection über den Bahnsteig gehüpft und runter zum geliebten Erdbeerhäuschen. Mit den leckeren Früchtchen im Gepäck geht’s nun in Richtung Office. Ich wähle am Entrée die Treppen, nicht den Fahrstuhl. Auch wenn es nicht besonders schlimm wäre jetzt steckenzubleiben. Da gibt es deutlich ungünstigere Momente. Wenn man es aus irgendwelchen Gründen eilig hat, halte ich es für ein klein wenig unklug eine abgeschlossene Kabine zu betreten, die an Stahlseilen baumelt. Ich bin gerade nicht sonderlich in Eile und schlendere ins Büro. Flüchtige Begrüßung der Kollegin am Empfang. Schnell sitze ich mit dem unvermeidlichen Latte Macchiato am Schreibtisch. Der schwierigste Teil des Tages wäre schonmal überstanden. (ts)