Im Treppenhaus

Das Treppenhaus, ein wahrhaft wunderbarer Ort um Abenteuer zu erleben. Wer kennt es nicht, man möcht‘ den Fuß auf just die nächste Stufe senken, doch unverhofft erlischt das Licht. Wie ein Blinder hangele ich mich dann zum rettenden Schalter. Doch dergleichen entfaltet sich recht selten. Zumeist geschieht Gewöhnliches. Ich grüße höflich meine unbekannten und bekannten Nachbarn, begegne den Pizzalieferanten, die schnaufend hinaufstapfen, hoch zu den hungrigen Couchpotatos. Ich treffe auf die permanent am Burnout entlangschrammenden Paketboten, die neuerdings sämtliche Güter, die für unsere Hausnummer bestimmt sind, bei der erstbesten Tür die sich öffnet abladen. Alle sind unterwegs und haben es eilig. Noch nie sah ich jemanden auf halber Treppe an einem Bistrotisch sitzen. Das finde ich bedauerlich. Es wäre doch für Neuankömmlinge eine fantastische Möglichkeit den Alteingesessenen eine überraschende Audienz zu gewähren. „Hallo! Wir sind gerade eingezogen!“ könnten sie den Vorbeieilenden freundlich zuzwinkern. Dem Pärchen aus der vierten Etage zum Beispiel. Charakteristisch für die beiden: Auch wenn sie das Haus längst verlassen haben, der Duft ihres Parfüms hängt noch minutenlang in den Lüften. Oder dem grummeligen Rentner aus der Ersten, der seine Wohnung kaum noch zu verlassen wagt. Ab und zu schaut er aus dem Fenster und winkt wenn ich auf der Straße vorbeigehe. Ein Flügel der Mietskaserne ist offenbar Familien mit Kleinkindern vorbehalten. Manchmal verwechsle ich die Mütter. Frauen zwischen dreißig und vierzig sehen für mich alle gleich aus. Eine andere merkwürdige Sache ist die folgende. In der Aussage steckt zwar ein kleiner Widerspruch, doch scheint man mit den Menschen die in höheren Gefilden als ich logieren, schwieriger in Kontakt zu kommen. Die abgedroschene Formulierung „Die da oben!“ fließt in den vertikalen Raum. Wie ich darauf komme? Die Bewohner der Stockwerke unter mir kenne ich recht gut, die über mir überhaupt nicht. Ab und zu denke ich an die Treppenhäuser zurück, die ich bisher in meinem Leben durchschritt. Das allererste, das meiner Großmutter. Nur eine angsteinflößend steile Holztreppe mit wackligem Geländer. Sie schien dafür gemacht, Leuten den Hals zu brechen. Ich habe mich als Sechsjähriger immer nicht getraut hinaufzusteigen. Oma musste herunterkommen und mich an die Hand nehmen. Die kalten Steinstufen dann im Neubau auf dem Dorf. Genauso lebensgefährlich. Gnadenlos unterbrachen sie abrupt einen Fall ohne auch nur einen Millimeter nachzugeben wie nachsichtiges Holz aus regionalem Forst. Später in der Großstadt ein prunkvoller Aufstieg ins Hochparterre. Abgerundete Marmorstufen und wuchtige Marmorsäulen begrüßten die Besucher, falls sie es denn schafften die Tür zum Haus zu öffnen, die die Größe einer Toreinfahrt hatte und aus massiver Eiche zu bestehen schien. Gebäude, einstmals als Lohn für Liebschaften schwerreicher Industrieller gedacht. Nun dem Verfall preisgegeben und den Arbeitern und Bauern als Unterkunft überreicht. Hier vollführte ich meine ersten Schritte in eigener Wohnung. Natürlich benimmt man sich als junger Mann daneben, haust man das erste Mal im eigenen Domizil. Viel zu oft und laut ertönte Punkmusik. Nicht selten bis in die Puppen. Die Nachbarschaft musste leiden. Mit gleicher Münze zahlte es die Welt mir später heim, als ich mit Freundin und Neugeborenem den Technolärm des Mieters über mir ertragen musste. Ich kann sehr gut verstehen, wie man auf die Idee kommt, Voodooutensilien vor Pforten von Ruhestörern abzulegen. Hier nun in meiner aktuellen Bleibe versetzen mich lediglich Vierbeiner in Rage, die ohne Leine durch die Geschosse toben. Auch wenn sie mich stets ignorieren, die Schrecksekunde ist ganz fürchterlich. Abschließend eine Frage, die mich seit Langem quält. Mir fehlt eine Faustregel hinsichtlich eines bestimmten Szenarios. Hin und wieder kommt es vor, dass mir eine offene Wohnungstür auffällt, wenn ich durchs Treppenhaus flaniere. Ziehe ich sie dann ins Schloss, darauf spekulierend, dass ein gestresster Papa durch Unaufmerksamkeit vergaß, die angemessene Kraft beim Schließen anzuwenden? Oder ist sie absichtlich noch offen, weil nur ein kurzer Abstecher zu den Mülltonnen geplant ist? Meist bin ich dem Druck dies zu entscheiden nicht gewachsen und belasse alles wie es ist. Traurige Geschichte. Doch so soll der Text nicht enden! Daher noch eine völlig überflüssige, aber schöne Information und dem Angebot mit ihr ein paar erholsame Augenblicke zu verbringen. Ich empfand es neulich als sehr wohltuend in dunkler Nacht den Rückstrahlern eines Pulks von Fahrradfahrern hinterherzuschauen. Sie rauschten an mir vorbei während ich an einer Ampel auf grün wartete. Beinahe hätte ich es verpasst die Straße im erlaubten Moment zu überqueren, weil ich mich von den in die Nacht entschwindenden roten Lichtern nicht losreißen konnte. (ts)