Zwischen Insel und Blitz

Ich saß noch nie unter einer Trockenhaube im Friseursalon. Etwas, das ich gern noch erleben würde. In warmen Lüften schwelgen. Sicher ein großartiges Gefühl. Angenehmer Nebeneffekt: An mich gerichtete Worte versinken im Lüfterrauschen. Gelegenheit, die rudimentären Lippenlesefähigkeiten aus Kindertagen zu reaktivieren. Ich könnte den Friseur auch bitten, Botschaften mit dem Finger auf meinen Rücken zu schreiben wie es Liebespaare tun. Außerdem würde ich gerne einen Sommer auf einer Vogelschutzinsel verbringen, um Großtrappe und Wiedehopf zu beobachten. Vorzugsweise ohne den ornithologischen Anteil. Den könnte die Inselkatze übernehmen. Ich möchte einfach nur inmitten einer herrlich duftenden Blumenwiese liegen und an Grashalmen knabbern. Allein. Abends könnte ich auf einer Bank, grob zusammengezimmert aus Baumstämmen, vor mich hinträumen, die nur für diesen einen Zweck beim Häuschen, in dem ich untergebracht bin, erschaffen wurde. Schön finde ich auch die Vorstellung an einem Tisch in der Fußgängerzone einer beliebigen Kleinstadt an der Nordseeküste zu verweilen und auf Wundersames jeder Art mit einem irritierten Lächeln zu reagieren. Auf den jungen Mann dahinten, der gerade aus Seifenblasen den Schriftzug „Jetzt beruhigt euch doch mal!“ formt. Vor mir stünde zusätzlich ein Pappschild mit der Aufschrift: „Antworten auf Ihre drängenden Fragen.“ Andersherum wäre es mir allerdings auch recht. Ich hätte da nämlich ein paar Kopfnüsse genereller Natur zu knacken. Hier eine kleine Auswahl. Warum wird von mir ununterbrochen etwas erwartet? Wäre es nicht höflicher lediglich zu erhoffen? Stehe ich mit offenem Schnürsenkel an der Ampel, wird nach entsprechendem Hinweis von Passanten davon ausgegangen, dass ich sofort tätig werde. Dazu habe ich aber vielleicht gerade keine Lust. Für immer auf meiner Liste ungelöster Rätsel: Wozu gibt es Vereine? Abgesehen von EU und UNO? Die beiden sind ja ganz cool. Vorerst letztes Beispiel aus der Kategorie ungewiss aber irrelevant. Würde ich in ein Raumschiff steigen, das mich zum Mars bringt? Ein paar Jahre auf Fernreise? Vielleicht wenn ich mir die Besatzung eigenhändig aussuchen dürfte. Wer käme da in Frage? Diese Gedanken wurden gestern von einem Hare-Krishna-Bewegten vermutlich ungewollt injiziert, der auf einer Wiese am Rand meiner Laufrunde Platz genommen hatte und begleitet von einem eigentümlichen Musikinstrument, das moderne Klänge aus einem altmodisch anmutenden Holzkasten zauberte, seinen Sing-Sang zum Besten gab. Sehr passende Untermalung für einen langen Sonntagslauf, dachte ich. Halbherzig aber amüsiert stimmte ich jedes Mal mit ein ins „Hare Hare, Hare Rama, Hare Hare, Hare Krishna.“ wenn ich an ihm vorbeilief, obwohl es mir für gewöhnlich Bauchschmerzen verursacht in Gesänge, egal welcher Natur, mit einzustimmen. Ausnahmen sind aber wichtig! So schießt es mir dann jedes Mal durch den Kopf. Ein freundliches Winken meinerseits wurde ignoriert. Der Jünger schien geistesabwesend. Hin und wieder ein anstrebenswerter Zustand. Erinnerungen durchflossen mich. Ein paar Freunde hatten mal eine recht starke emotionale Verbindung zum damals sehr bekannten Guru Bhagwan und seinem riesengroßen Rolls Royce Fuhrpark. Glücklicherweise waren sie aber durch die mit Selbstschussanlagen gesicherte Grenze daran gehindert, ihr Idol zu besuchen. Das hielt sie aber nicht davon ab, komplett in orange gekleidet ihren Alltag zu bestreiten und ihre auf postalischem Weg vom Osho verliehenen Namen zu tragen. Auch wenn ich das Konzept nicht verstanden hatte – warum sollte ich einer anderen Person Entscheidungsbefugnis über meine Lebensweise geben? – genossen die Sannyasins meine volle Sympathie. Mir selbst ist jegliche Art von Spiritualität allerdings immer fremd geblieben. Dazu habe ich zum Schluss noch eine recht passende Anekdote. Ich war mal als Zehnjähriger auf Klassenfahrt im katholischen Thüringen. Übernachtet wurde in einem Gemeindehaus der Kirche mit anderen Jungs aus dem Ort. Ich weiß nicht mehr wie, aber tief in der Nacht kamen wir beim Durcheinanderreden aufs Thema Gott. Ich verlieh meinem Zweifel darüber Ausdruck, dass ein übernatürliches Wesen existiert. Entrüstet verlangte ein Gleichaltriger ich solle laut „Es gibt keinen Gott! Sollte ich unrecht haben, dann will ich sogleich vom Blitz erschlagen werden!“ rufen um meinen Unglauben zu beweisen. Zu seiner Überraschung folgte ich der Aufforderung. Ich gebe zu, das war schon ein bisschen gruselig, doch ein Blitzschlag blieb aus. Bisher jedenfalls. (ts)